Eine Handvoll Augsburger verkauft Reinigungsmittel aus einer besetzten Produktionsstätte in Griechenland. Gemeinsam wollen sie so dem Kapitalismus einseifen. 

 

Die Produkte der Augsburger Seiferei haben es in sich. Jedes Stück Blockseife, jede Flasche Waschmittel, jedes Glasreiniger Spray, das dort über den Ladentisch wandert, ist ein politisches Statement. Denn ein Kauf der Reinigungsmittel von Vio.Me, die das junge Augsburger Kollektiv ausschließlich vertreibt, ist nicht nur eine Investition in die individuelle Hygiene, sondern zugleich eine Solidaritätsbekundung mit ökologischer Nachhaltigkeit und alternativem Wirtschaften.

Vio.Me stellt seit 2013 im griechischen Thessaloniki Seifen her. Nicht trotz, sondern gerade wegen der globalen Wirtschaftskrise, die Griechenland damals mit besonderer Härte traf, fiel die Unternehmensgründung in diese Jahre. Vio.Me, vormals Hersteller von Bodenklebstoff, war 2011 pleite gegangen. Nicht gegangen waren die Mitarbeitenden. Sie blieben, besetzten – und begannen, selbst zu produzieren. Mit einigen gravierenden Unterschieden. Statt hochgiftigen Bodenklebstoffen stellt Vio.Me seitdem jene bio-veganen Seifen her, die in Augsburg die Regale der Seiferei füllen. Und statt einer Vorgesetzten, deren Job es ist „im Büro zu bleiben und aufs Geld zu warten“, wie es ein Vio.Me-Arbeiter in der Arte-Dokumentation „Klassenkampf mit Bioseife beschreibt“, geben die Mitarbeitenden heute selbst den Ton an. Seit 2013, seit der Übernahme durch Arbeiterinnen, agiert Vio.Me selbstverwaltet und basisdemokratisch. Alle Angestellten beziehen den gleichen Lohn, alle sind an den Produktionsprozessen gleichermaßen beteiligt und jeden Morgen findet ein einstündiges Treffen statt, in dem alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. In den Fabrikräumen von Vio.Me herrschen heute „Gleichheit, Brüderlichkeit, Respekt und Würde“, sagt ein anderer Mitarbeiter in genannter Dokumentation.

Diese Reportage war es, die in Augsburg den Stein ins Rollen brachte. Oder eigentlich den Seifenblock – aber der rollt nun mal nicht so gut. Düzgün, neben Paul und Simon einer der drei Gründer der Seiferei, sah den Bericht auf Arte und sei sofort „Feuer und Flamme“ gewesen. Die Themen Selbstverwaltung und basisdemokratische Organisation hätten alle drei Gründungsmitglieder schon länger interessiert, erzählt Düzgün. „Aber ich hatte noch nie eine Initiative gesehen, die das so grandios umsetzt wie Vio.Me.“ Die Kontaktherstellung nach Thessaloniki sei unkompliziert verlaufen. Schließlich sehen die Aktiven von Vio.Me neben der Produktion von Reinigungsmitteln auch die politische Bildungsarbeit als ihre Aufgabe an. „Es ist unser Auftrag, diese Idee weiterzutragen“, so das Credo. Ein einschlägiger Satz aus „Klassenkampf mit Bioseife“ unterstreicht das: „Was wir hier machen, ist, durch unsere Handlungspraxis zu beweisen, dass es eine gesellschaftliche Alternative gibt.“ (Im Original: „What we do here is prove through our actions that there is an alternative in society.“)

Die Gesellschaftliche Unterstützung für Vio.Me ist breit. Europaweit gibt es verschiedene Verkaufsstellen für deren Produkte, eine davon die Seiferei. „Wir sind ein Knotenpunkt in einem größeren Netzwerk“, sagt Paul. Konkurrenz herrsche zwischen den verschiedenen Anbietern nicht. Man unterstütze sich gegenseitig, damit so viele Vio.Me-Erzeugnisse wie möglich verkauft werden. Jeder Cent, den Paul, Simon und Düzgün in Augsburg einnehmen, wandert nach Thessalokini. Weil alle drei ehrenamtlich arbeiten und das auch langfristig nicht ändern möchten. „Wir machen das gern“, sagt Simon. Einzige Fixkosten der Seiferei sind die Mietzahlungen. Und auch die gehen an einen solidarischen Ort.


  •  

Großansicht schließen

  • … und landen dann schließlich im Verkaufsraum der Seiferei in Augsburg.

Großansicht schließen

  • Von Waschmittel, über Glasreiniger, …

Großansicht schließen

  • … bis zu Seifenblöcken ist für jeden etwas dabei.

Großansicht schließen

  • Seit Corona beliefern Düzgün, Simon und Paul solidarische Seifenliebhaber im Raum Augsburg per Fahrradkurier.

Großansicht schließen

  • Inzwischen hat auch der Verkaufsraum im 2. Stock des Grandhotel Cosmopolis wieder geöffnet.

Großansicht schließen

  • Unter Einhaltung der Corona-Maßnahmen, versteht sich.

1 / 7

Denn als Verkaufsfläche dient ein kleiner Raum im zweiten Obergeschoss des Grandhotel Cosmopolis – ein Flüchtlingsheim, Ho(s)tel und inklusives Kulturprojekt im Herzen der Fuggerstadt. Immer mittwochs und samstags empfing die Seiferei in dem hellen Balkonzimmer Kunden und interessierte Besucherinnen. Das änderte sich durch Corona. Doch auch in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen konnten Augsburger der solidarischen Körperhygiene treu bleiben. Paul, Simon und Düzgün schwangen sich in regelmäßigen Abständen aufs Fahrrad und lieferten die Produkte aus. Dass das Geschäft weiterhin gut lief, kam in dieser schwierigen Zeit nicht nur Vio.Me zu Gute, sondern auch Flüchtlingen in Moria. Zwei Wochen lang produzierte Vio.Me ausschließlich für das griechische Flüchtlingslager, um den dort vorherrschenden fatalen Hygienezuständen entgegenzuwirken.

Vio.Me steht für eine andere Art des Seins“, sagt Simon. „Für ein Leben mit Verantwortungsgefühl für das Drumherum.“ Eine Idee, die die Aktiven aus Augsburg weitertragen möchten. Wie Vio.Me empfindet auch die Seiferei einen Bildungsauftrag. Das erfahre Resonanz, erzählt Simon: „Weil die Seiferei real ist, machen Menschen sich Gedanken.“ Denn das unübliche Geschäftskonzept funktioniere ja offensichtlich. „Wir bekommen eigentlich nur positives Feedback.“ Und auch praktische Hilfe. Die erste Bestellung von rund zwei Tonnen Seife im Juli 2019 finanzierte man etwa ausschließlich über Crowdfunding. Um die Seiferei zu unterstützen, seien außerdem Lieder und Gedichte verfasst worden. „Support geht auch im nicht klassisch kapitalistischen Sinne“, betont Simon. Seit der Gründung vergangenen Sommer hat sich ein Netzwerk von Engagierten um die Seiferei herum gebildet. Getreu dem Ideal der Basisdemokratie sind die Mithelfenden in die meisten Entscheidungsprozesse eingebunden. „Alle, die mitmachen, sprechen auch bei der Gestaltung mit“, sagt Paul.

Seit kurzem hat der Verkaufsraum im Grandhotel Cosmopolis wieder geöffnet. Erst mal nur samstags. Erst mal langsam. Langfristig träumt man bei der Seiferei davon, auch andere selbstverwaltete Produkte anzubieten. Paul erzählt etwa von einer besetzten Tee-Fabrik in Frankreich. Auch mit einem Kaffee-Kollektiv stehe man in engem Kontakt. Aber der Verkaufsgedanke soll nicht dominieren. Den Aktiven ist ebenso wichtig, als Treffpunkt für Gleichgesinnte zu dienen. Als eine „Verkaufsfläche ohne Konsumzwang“ sozusagen. Saubere Sache.

 

Quelle:  https://futurzwei.org/article/1322